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DIE GASKUGEL - EIN KUNSTOBJEKT
 

Der kugelförmige Erdgasspeicher der Stadtwerke Villingen-Schwenningen GmbH
(SVS), in dem der Film “Das Gaskugel Projekt” gedreht wurde,  wurde 1983 von
einer Spezialfirma errichtet. Vorausgegangen war, so erklärt es Maximilian Mast
von der SVS, eine Änderung in den Lieferverträgen der überregionalen
Gasversorger. Für das örtliche Strom-, Wasser– und Gasversorgungsunternehmen
rechneten sich damit, auf Jahre gesehen, die hohen Investitionskosten in den Bau
eines Gasspeichers, der die Verbrauchsschwankungen zwischen Tag und Nacht
ausgleicht.

Am 2. August 1983 war die 25 Meter hohe Gaskugel zur Hälfte aufgebaut, man
feierte die sogenannte “Äquatortaufe”. Im Dezember 1983 war dann auch die
obere Hälfte aus 4 cm dicken Stahlsegmenten aufgesetzt und verschweißt. Als
symbolischer Akt folgte am 14. Dezember die “Gasprüfung”. Der damalige
Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Gerhard Gebauer, hielt eine Lunte
ans Ende eines zu diesem Zweck aufgebauten Ausleitungsrohres - das Gas brannte.


Im Aufsichtsrat der Stadtwerke hatte man sich Gedanken zur Außengestaltung der
Kugel gemacht. Andere Städte ließen ihre Gaskugeln mit bunten Punkten bemalen,
beliebt war auch der Anstrich mit den Kontinenten der Erdkugel. Auf der Suche nach
Alternativen zu einer figürlichen Darstellung kam vom damaligen Baubürgermeister
Theo Kühn der Vorschlag, den Karlsruher Kunstprofessor Horst Antes wegen der
Außengestaltung der Kugel anzufragen. Der damals 48 Jahre alte Schüler von HAP
Grieshaber, bekannt durch seine “Kopffüßler”, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits
mehrere Preise erhalten. Unter anderem 1966 den UNESCO-Preis der 33. Biennale
Venedig.

Horst Antes willigte ein und erhielt vier Farbfotografien der einzelnen Jahreszeiten
am Standort der Kugel. Weitere persönliche Besichtigungen folgten. Antes
entwickelte das Konzept eines zweigeteilten Anstrichs, den man auch als indirekten
Hinweis auf den Standort des Gasbehälters an der europäischen Wasserscheide
interpretieren kann: erd(rost-)farben aus Blickrichtung Villingen, blaugraugrün von
Bad Dürrheim aus. Der Schnitt sollte genau in der Achse der Kugel sein.

Bei der praktischen Umsetzung gab es Probleme. Die Lackfabrik konnte den Farbton
blaugraugrün in der gewünschten Eisenglimmerfarbe nicht herstellen. Es folgten
Versuche mit anderen Farbtönen und mehrere Farbmuster-Aufträge. Offensichtlich
kam es dabei zu einem Missverständnis bei den mündlichen Absprachen über den
Farbcode zwischen Professor Antes und dem beauftragten Malerunternehmen.
Jedenfalls bemängelte Antes nach erfolgtem Anstrich im Herbst 1984, daß die
blaugraugrüne Kugelhälfte die falsche Farbe aufweist. Außerdem ergab ein
Fachgutachten, aß der Anstrich nicht überall von gleicher Stärke war, und an den
dünnen Farbstellen deshalb vorzeitiger Rostbefall drohe. Die Hälfte der Kugel wurde
daraufhin nachgebessert.

Entstanden ist am Ende ein Kunstwerk von hoher ästhetischer Qualität. Klaus
Gallwitz, der langjährige Leiter des Städelmusems in Frankfurt, bezeichnete den
Kugelgasbehälter von Villingen-Schwenningen 1987 als eines der “wenigen
gelungenen Beispiele einer Koexistenz von Technik, Landschaft und Kunst”. Gallwitz
in einer Laudatio: “Die Kugel ist geschickt in die Landschaft eingebettet und macht
von sich aus nicht viel Aufsehen, noch weniger in ihrer zweigeteilten Bemalung. Im
wechselnden Tageslicht verändern sich naturgemäß die beiden Farben. Für den
unbefangenen Betrachter wirkt sie nicht protzig und auffallend. Es handelt sich um
eine besonders gelungene Art des schwierigen und oft so missglückten
Unternehmens von ‘Kunst am Bau’. An dieser Kugel ist nichts kleinlich oder
anmaßend: Die vollkommene, farbig zweigeteilte Form ist ein Werk ohne
handschriftliche Signatur. Kein ‘Blender’ hat sich hier ‘verewigt’.”

Wie oft bei zeitgenössischer Kunst, hat die Außengestaltung der Kugel die
Volksseele erregt. “Karlsruher Kunstprofessor soll für 80 000 Mark Gasbehälter
verschönern” titelte damals die Lokalzeitung “Südwestpresse/Die Neckarquelle”.
Von vielen Bürgern wurde das so verstanden, dass Antes 80 000 Mark Honorar
erhalten würde. Tatsächlich lag sein Honorar bei 20 000 Mark. Das waren 0,55
Prozent der Baukosten von 3,6 Millionen Mark, wie der Leiter der Städtischen
Galerie, Wendelin Renn, später ausrechnet hat.

Dieselbe Zeitung veröffentlichte am 4. Oktober 1984 auch das Foto einer ähnlichen
Gaskugel in Bremerhaven, deren Bemalung - ein überdimensionaler Globus -
angeblich nur 5000 Mark gekostet hat. Dort hätten dies nämlich, so der Bildtext,
Mitarbeiter einer Schiffsinstandsetzungsfirma als Gesellenstück erledigt. Dass der
Gaskugel-Anstrich in Villingen-Schwenningen zur Hälfte nachgebessert werden
musste, war natürlich in der Narrenhochburg Villingen auch ein gefundenes Fressen
an Fasnacht. Und Dieter Wacker vom “Südkurier” kommentierte: “Jetzt hat erst
einmal der Gutachter das Wort. Und der sieht bei der rot-grünen Gaskugel sicherlich
blau: Dies ist nämlich die Farbe der Hundertmarkscheine.”

Zwanzig Jahre später haben Wind und Wetter der Farbe zugesetzt. In Absprache mit
dem Künstler haben die Stadtwerke entschieden, das Werk anlässlich der
technischen Überprüfung der Kugel zu säubern und durch einen Neuanstrich wieder
in den Zustand von 1984 zu versetzen. Dies ist im August 2003 geschehen. (kpk)




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“Äquatortaufe”, 1983

“Gasprüfung”, 1983

Richtfest, 1983

Fotos vom Bau der Kugel:
Gerd Steinbach
Axel Bethge
Klaus-Peter Friese

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