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Anfang Juni 2003 Der kugelförmige Erdgasbehälter von Villingen-Schwenningen ist für Wartungsarbeiten leergepumpt worden. Die Stadtwerke (SVS) als Gasversorger laden die Medien zu einem Vor-Ort-Termin ein und erläutern, was an der Kugel 20 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme gemacht wird. Die alle zehn Jahre fällige TÜV-Prüfung, bei der die Stahlhaut auf Mängel überprüft wird, anschließend ein neuer Anstrich, wieder nach der Farb-Konzeption, die der Karlsruher Künstler Professor Horst Antes seinerzeit für die Gaskugel festgelegt hat. Bei seiner Reportage für den SWR klettert Reporter Jochen Bruche ins Innere der Kugel und ist begeistert von der überwältigenden Akustik. Ein Fingerschnippen, und ein Klanggewitter bricht los...
5. und 6. Juni 2003 Die Idee, mit Musikern in die Kugel zu kriechen, dort mit Instrumenten und Stimme zu improvisieren und das Ganze aufzunehmen, lässt Jochen Bruche nicht mehr los. Er telefoniert mit befreundeten Künstlern aus Tübingen und fragt gleichzeitig bei den Stadtwerken (SVS) um eine Genehmigung nach.
7. Juni 2003 Auf dem Anrufbeantworter Jochen Bruche. Die SVS haben grünes Licht gegeben, schon am Dienstag und Mittwoch kommender Woche soll das Experiment in der Kugel stattfinden. Gleichzeitig die Anfrage, ob wir das Projekt auf Video dokumentieren wollen. Spontane Entscheidung: Ja! Wir werden mit zwei Kameras arbeiten. Meine Frau Gertrud wird die zweite Kamera übernehmen, Ruth Holtzhauer steht als Assistenz zur Verfügung.
7. Juni 2003 Telefonkontakt mit Christoph Marquardt in Tübingen, er wird mit seiner Mobile Recording Unit die Klänge in der Kugel im Surround-Verfahren aufzeichnen, und auch seinen E-Bass mitbringen. Weiter zugesagt haben die Musiker Wolfgang Lindenfelser, er bringt sein Tenor- und sein Sopransaxophon und eine Bassklarinette mit, sowie Fernando Dias Costa, der Sänger der “Grupo Sal”. Außerdem wird Jochen Bruche selbst auf Bass, Harmonika und Gitarre musizieren, Texte rezitieren und Geräusche machen. Es werden sowohl Soli aufgenommen, als auch Triobesetzungen. Wir beschließen, für unseren Film Stereoton mit eigener Mikrofonierung zu machen. So sind wir vom Harddisk-Recording, das für uns sonst einen Live-Downmix erfordern würde, unabhängig. Jochen teilt mit, wir sollten alte Klamotten anziehen, in der Kugel ist es dreckig. Er wird Maler-Overalls mitbringen.
10. Juni 2003 Abfahrt in Richtung Gaskugel. Jochen hat seinen Audio-Bus dabei mit dem Recording -Equipment, Stativen, Mikrofonen, den Instrumenten. Wir die beiden Kameras, eigene Mikrofone, Stativ, den für seinen warmen Sound bekannten Goldmike-Röhrenvorverstärker für die eigene Mikrofonierung. Wir fahren Kolonne, Jochen mit dem Transporter vorneweg, wir hinterher, so kann ich schon mal die Anfahrt drehen. Vor Ort empfängt uns Maximilian Mast von den Stadtwerken. Er öffnet uns das Tor und entfernt die Stahlkette, mit der die Einstiegsluke während der Wartungsarbeiten provisorisch verschlossen ist. Die ganze Kugel ist 25 Meter hoch und lagert in einem Sandbett. Der Einstieg erfolgt durch eine ca. ein Meter große kreisrunde Öffnung an der Unterseite. Als wir uns dieser Luke nähern, strömt uns Gasgeruch entgegen. Bange Frage: ist da noch Gas drin, ist das gefährlich? Maximilian Mast gibt Entwarnung. Das Gas ist raus und obendrein ist Erdgas an sich auch geruchlos. Was wir riechen, ist der Geruchsstoff Tetrahydrothiophen, der dem Gas beigesetzt wird. Und der wird uns noch länger in der Nase haften...
Während ich von vornherein schon alte schwarze Klamotten angezogen habe, schlüpfen Gertrud und Ruth in die weißen Maleroveralls. Anschließend hüpfen sie wie die Häschen. Ich klettere mit der Kamera als einer der ersten in die Kugel, um in Schuss / Gegenschuß zu dokumentieren, wie das Equipment reingereicht wird. Innen ist es dunkel, die während der Wartungsarbeiten ebenfalls geöffnete ca. 1 Meter große Luke am Kopf der Kugel lässt praktisch kein Licht hinein. Allerdings stehen von den TÜV-Arbeiten noch zwei Neon -Strahler und ein Gerüst in der Kugel, wir werden noch zwei Halogenfluter hinzufügen. Dieses und für die Einstiegsaufnahmen das Kameralicht soll genügen, mehr würde die Stimmung zerstören.
Die Akustik ist wirklich unglaublich. Wenn man sich unterhalten will, dann geht das nur ganz nah beieinander und man darf auch nur flüstern. Normale Lautstärke würde sofort dazu führen, dass sich alles überschlägt.
Jochen und Christoph bauen ihr Soundequipment auf. Die Mikrofonierung mit sechs Surround-Mikros und zwei Mikrofonen für den Direktschall erfolgt nach einem Plan, den der Berliner Toningenieur Eberhard Sengpiel Christoph gemailt hat. Sengpiel hat viel Erfahrung mit Surround-Aufnahmen und hat für seine Produktionen auch schon Schallplattenpreise erhalten. Wir hieven derweil unser Equipment durch die Luke. Das eine Kamerastativ positionieren wir für die seitlichen Nahaufnahmen von den Künstlern im Inneren des Baugerüsts, das andere Stativ für die Halbtotalen gegenüber der Künstler auf dem bereits ansteigenden Kugelboden. Damit es auf dem ansteigenden Boden nicht wegrutscht, legen wir einen Schlagzeug-Teppich unter. Der ursprüngliche Plan, mit einer der Kameras während der Aufnahme auch rumzulaufen, lässt sich nicht durchhalten. Jeder Schritt, und ist er auch noch so vorsichtig, führt zu Störgeräuschen, die sich in der Kugel vervielfachen.
Die Luft ist stickig, warm und erfüllt von einer Mischung aus “Gasgeruch” und Rost. Der Stahlboden ist innen braunrot-rostig. Da werden wir also nun fünf, sechs Stunden lang ausharren, weil so lang soll die erste Session gehen. Jochen hat für jeden große Flaschen Mineralwasser besorgt - ein Segen!
Jochen und Christoph pegeln die Mikros und spielen sich ein und machen erste Aufnahmen. Das Harddisk-Recording wird die ganze Zeit über durchlaufen. Gegen 20 Uhr kommt Fernando Dias Costa an den Set. Der 45-jährige Portugiese wirkt seit 1974 bei verschiedensten Musikformationen im Bereich der traditionellen portugiesischen und lateinamerikanischen Musik mit, und ist von der Kugel fasziniert. Nach kurzer Probe beginnt er zu improvisieren. Wir sind von ihm begeistert, vor allem, weil er ist ein Musiker, der den Tönen hinterher horcht, und das muss man hier in der Kugel. Und für die Kamera liefert er tolle Bilder obendrein. Die ausdrucksstarke Mimik, die Hingabe ... bei Fernando singt buchstäblich der ganze Körper mit.
Nach seinem ersten Set drängt es alle ins Freie. Tief durchatmen in der sommerlichen Abendluft, Griff zum Mineralwasser. Danach folgen im Wechsel Jochen und Christoph und noch mal Fernando, und zum Abschluss alle drei als Trio.
Ich versuche mit der Kamera nach oben zu schwenken, um einen Eindruck vom Raum einzufangen. Es ist schwierig, selbst mit starkem Weitwinkel. Hinzu kommt, dass die Beleuchtung nicht bis in die Kuppel reicht. Immerhin, die “Äquatorlinie” auf halber Höhe lässt sich erkennen. Dort haben sich mit weißer Farbe die Arbeiter verewigt, die damals, 1983, die Kugel aus vorgeformten Stahlelementen zusammengeschweißt haben.
11. Juni 2003 Nach der Arbeit treffen wir uns wieder, diesmal direkt an der Gaskugel. Jochen und Christoph haben schon weitgehend aufgebaut. Jochen ist in der Kugel und rezitiert Texte. Wir haben uns mit Maximilian Mast verabredet, damit er uns vor der Kamera etwas erzählt über den Bau und die Funktion der Gaskugel, und über die Gaskugel als Kunstwerk. Wir beschließen, diesen Dreh oben auf der Kuppel zu machen. Man gelangt nach oben über eine gebogene Leiterkonstruktion an der Rückseite. Ein Mitarbeiter der SVS verteilt gelbe Bauhelme an uns, ist Vorschrift. Bis zur halben Höhe klettert man mit dem Rücken zur Kugel die Leiter hoch, dann gibt’s eine Plattform, auf der man sich umdrehen muss, weil der letzte Anstieg geschieht dann mit dem Gesicht zur Kugel. Von oben hat man einen herrlichen Ausblick über die Wiesen ringsum, in einiger Entfernung grast eine Schafherde. Wir drehen das Interview, Gertrud angelt den Ton, wobei uns der Wind ein bisschen zu schaffen macht. Dann steige ich wie am Vortag schon meine beiden Mitarbeiterinnen über die Luke in die Kuppel der Kugel. Über eine kleine Leiter gelangt man auf einen kreisrunden Laufsteg unterhalb der Kuppeldecke. Von hier oben ist der Blick nach unten grandios. Mir gelingen einige schöne Bilder von oben, 25 Meter in die Tiefe. Man hat von hier oben viel eher einen Eindruck von der Größe.
Wieder auf dem Dach angelangt, dringen aus der Ferne Saxophonklänge an unser Ohr. Wolfgang Lindenfelser ist inzwischen da und spielt sich unten auf dem Feldweg ein, läuft auf und ab läuft, während ein paar Meter hinter ihm der Verkehr auf der Bundesstraße vorbeibraust. Ich halte schnell mit der Kamera drauf, ein schönes Bild.
Wieder am Boden, drehen wir jetzt Wolfgang. Er hat für die Aufnahmen in der Kugel schon mal gleich nur Shorts angezogen, trotzdem läuft ihm nach kurzer Zeit in der stickigen Hitze der Schweiß übers Gesicht. Auch seine Aufnahmen werden sehr schön. Maximilian Mast ist so begeistert, dass er nach Hause fährt und seine Familie und Freunde holt. Während des weiteren Sets werden sie dann auf dem Schlagzeugteppich um die erste Kamera herum liegen. Ganz entspannt, so wie die Musik...
12. Juni 2003 Wir hatten unser Film-Equipment noch in der Nacht wieder ausgeladen. Am nächsten Morgen trifft mich der Schlag: Der ganze Arbeitsraum riecht nach Gas, der schwefelartige Geruch haftet an jedem Kabel, an den Mikrofonen, und verbreitet sich aus den Equipment-Koffern. Jochen erzählt später, dass es ihm ähnlich gegangen sei. Ein Handwerker, mit dem er seine Lagerräume in Tübingen teilt, wollte schon das Gaswerk alarmieren... Wir werden unsere Klamotten wohl ein paarmal waschen müssen. Auch hab ich den ganzen Tag Kopfweh. Ob der mehrstündige Aufenthalt in der Kugel vielleicht doch nicht so gesund war?
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