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ABSTRAKT UND GEGENSTÄNDLICH ZUGLEICH
Die Kunsthistorikerin Dr. Monika Joggerst über die Arbeiten von Angelika Nain

Angelika Nain malt Landschaften, aber keine traditionellen Landschaften als Abbild der Natur,
sondern Landschaften, die aus dem Arbeitsprozess und aus dem Material heraus entstehen.

Die Landschaften aus der Serie „Zwischen Himmel und Erde" beziehen sich sowohl auf das
Material - die Erde und das blaue Pigment -, als auch auf das Thema „Himmel und Erde". Erde
und Tonschlicker sind dick aufgetragen und bilden ein Relief. Der Tonschlicker steigert den
Erdcharakter und die Stofflichkeit der Farbe. Das Material imitiert keine Erde - es ist die
trockene, krustige Erde, die wir sehen. Durch das Trocknen entstehen wirkliche Risse und
reale Tiefe.

Die Rissstruktur ist wie eine Zufallszeichnung, denn die Brüche lassen sich nicht genau
vorausplanen. Je nach Lichteinfall verändert sich die Schattenwirkung des Erdreliefs. So
erzeugt die Struktur Dreidimensionalität. Das gegensätzliche Element Wasser ist durch
intensives Ultramarinblau dargestellt. Die Farbe forciert die Tiefe und bildet einen starken
Kontrast mit dem Braun, das ins komplementäre Orange und Gelb hineinspielt.

Menschen, Pflanzen und Tiere sind nicht zugegen, denn es geht um die elementare Darstellung
von Erde: Wie reagiert Erde mit Wasser? Wie reagiert sie bei Trockenheit? Welchen Einfluss
haben Wasser und Trockenheit auf die Erde? Diese existentiellen Fragen werden in den
Erdbildern mit dem Material und dem Arbeitsprozess erforscht und beantwortet. Der
Entstehungsprozess ist lang und mit vielen Entscheidungen verbunden. Erden und Farbe
werden schichtenweise aufgetragen, abgenommen, weggekratzt und wieder aufgetragen. Es
entstehen vielfältige und nuancierte Strukturen und Farbkombinationen sowie äußerst
abwechslungsreiche Oberflächen.

„Zwischen Himmel und Erde" offeriert dem Betrachter eine Fernsicht, als ob der Schauende
aus großer Höhe auf die Erde blicken würde. Wo sich Wasser und Erde vermischen, gehen die
Materialien und Strukturen ineinander über. Diese Zwischenräume ziehen das Auge an. Aus
der Fernsicht wird eine Nahsicht. Plötzlich ist der Standpunkt des Betrachters nicht mehr das
Flugzeug, oder das Weltall, sondern ein naher Erdspalt vor seinen Füßen. Das Auge springt vor
und zurück. Der Betrachter nimmt Distanz und Nähe gleichzeitig wahr, weil die Künstlerin
Zentralperspektive und Horizont bewusst vermied. So beinhalten die Bilder zwei verschiedene
räumliche Ebenen.

In anderen Bildern spielt der Horizont eine Schlüsselrolle. Die Arbeit „Marast" ist nach dem Ort
in Frankreich benannt, wo die Erde, die in dem Bild verarbeitet ist, herkommt. Bei einer
Wanderung über einen Acker in Marast hinterließen die unterschiedlichen
Horizontwahrnehmungen einen starken Eindruck. Den hohen Horizont erlebte die Künstlerin
am Anfang des ansteigenden Ackers. In dieser Froschperspektive türmt sich der Acker wie ein
riesiger Berg auf. Der Betrachter fühlt sich klein, der Berg scheint auf ihm zu lasten, ein
Überblick ist nicht möglich. Auf halber Strecke liegt der Horizont in Augenhöhe. Dort halten
sich in etwa Himmel und Erde die Waage, das Verhältnis zwischen der schweren Erde und dem
leichten Himmel ist ausgewogen. Den tiefen Horizont bemerkte Angelika Nain, als sie den
Acker hinablief. Er gewährt eine weite Sicht. Mit dem Standort des Betrachters verändert sich
also die Horizontlinie und damit das Verhältnis zwischen Himmel und Erde. Wie wirken sich
diese unterschiedlichen Perspektiven auf den Betrachter aus? Dieser Frage spürt die
Künstlerin auch in dem großformatigen, dreiteiligen Bild „Horizont" nach.

Ein anderes Gemälde heißt „Beziehung" und gehört zu den Kaseinbildern auf Gipsgrund. Die
Pigmente sind mit Kasein - also Magerquark - gebunden. Die Farbe kann nicht dick
aufgetragen werden, sondern nur in dünnen, durchscheinenden Lasuren übereinander gelegt
werden.

Das Gemälde weckt Assoziationen an eine Landschaft im Abendhimmel. Aber die Landschaft
ist nicht durch Abbildung entstanden, sondern aus dem spontanen Arbeitsprozess heraus.
Durch Übermalung vieler Schichten entwickelt sich das Gegenständliche. So sind die
Landschaft und der Abendhimmel frei erfunden.

Das orangefarbene Licht und die verschwommenen Horizontlinien verleihen dem Horizont
etwas Geheimnisvolles, Lockendes, das das Auge anzieht. Der Horizont stellt ja die visuelle
Grenze, die Sichtweite des Menschen dar. Im übertragenen Sinn ist der Horizont ein Sinnbild
für den Wunsch des Menschen nach der Erweiterung seiner Grenze - physisch und psychisch.

Bei „Lichtwechsel" handelt es sich wieder um eine Dreiereinheit, aber diesmal mit extrem
hohen und schmalen Formaten, die den Blick von unten nach oben leiten, die langen
Rebpfähle unterstützten diese vertikale Komposition. Die Arbeit entstand aus
Landschaftserlebnissen: Wenn man im Weinberg liegt und in den Himmel schaut, sieht man
steil aufragende Rebpfähle. Diese Perspektive wird durch das Format und die langen Stangen
hervorgehoben. So gelingt der Künstlerin ganz ohne Zentralperspektive ein starker Sog nach
oben.

Der Titel „Lichtwechsel" weist auf die unterschiedlichen Stimmungen in der Landschaft hin; das
dunkle Blau vermittelt eine Nachtstimmung, das Gelb kann morgens oder abends sein und das
Grau-Weiß gibt das gleißende Mittagslicht wieder. Die drei Bilder sind mit Acrylfarben auf
Leinwand gemalt. Wie bei den anderen Arbeiten überlagern sich viele Schichten und der
Arbeitsprozess spielt eine wichtige Rolle für die Entstehung des Bildes. Kurz: es handelt sich
 nicht nur um gegenständliche Rebpfähle, sondern auch um autonome Farben und Formen.
Die Bilder sind abstrakt und gegenständlich zugleich.

© 2005 Monika Joggerst

 



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Dr. Monika Joggerst ist Kunsthistorikerin in Offenburg, und arbeitet als Freie Journalistin und Dozentin an der Kunstschule. Sie studierte an der University of Leicester und am Courtauld Institute der University of London, und promovierte an der Ruhr-Universität Bochum.

Die krustige Erde als Material: Auftragen von Tonschlicker

Malen in Schichten: Es dauert Wochen und Monate, bis ein Bild fertig ist

Angelika Nain - Einzelausstellungen

1998 Atelier Mersystraße, Offenburg
1999 Hotelgalerie “La Wantzenau”, Strasbourg
2001 Museum Auberlehaus, Trossingen
2001 Paul-Gerhardt-Werk, Offenburg
2003 “Zwischen Himmel und Erde”, Werkstatt Galerie Owens, Renchen
2004 “Landschaften”, Kunstverein Bahlingen a. K.
2005 „Welten“, Schlosshalle Wolfach
2005/06 “Erdlandschaften”, Aenne-Burda-Stift, Offenburg
2006 “Ein Tag in Palermo”, KiK, Offenburg
2006 Kronenlichtspiele, Triberg
2008 “Augenblicke”, Staufenburgklinik Durbach
2010 Galerie “Kunst am Park”, Höchenschwand


Gruppenausstellungen

1995 Freie Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst, Freiburg
1996 Paul-Gerhardt-Werk, Offenburg
1997 “Kulturflut”, Atelier Mersystraße, Offenburg
1999 Frauenmuseum, Bonn (Projekt “Brust, Lust, Frust”)
1999 Künstlerkreis Ortenau e.V., “Alte Wäscherei”, Offenburg
2000 Kunst fürs Frauenhaus, Offenburg, Oberkirch, Kehl, Lahr
2001 “Kunst am See”, Gifizsee, Offenburg
2001 Künstlerkreis Ortenau e.V., “Neue Galerie”, Offenburg
2002 “Eigen Art”, Kunstverein und Städtische Galerie, Offenburg
2002 “Brust, Lust, Frust” in Hamm, Leverkusen, Offenburg
2002 Salle de Monnaie, Molsheim
2002 “Duell”, Accrochage Franco-Allemand, Produzentengalerie im Art Forum, Künstlerkreis Ortenau e.V.
2003 Galerie im Storchenturm, Zell a. H.
2003 Kunstverein, Trossingen
2003 Galerie Paradoxe, Strasbourg
2003 Grimmelshausens Courasche, Oberkirch
2004 Kunstverein, Trossingen
2004 Atelier Mersystraße, Offenburg
2005 „Schwarzwaldbild III“, Kunstverein Mittleres Kinzigtal
2005 Kunstverein Trossingen
2007 Galerie Owens, Renchen
2007 “Landschaft im 21. Jahrhundert”, Kunstverein Wilhelm Kimmich, Lauterbach
2007 “x mal ich”, Fruchthalle Rastatt
2007 “Menschenbilder”, Klinikum Offenburg (mit J. Makinde)
2009 Klinikum Gengenbach (mit J. Makinde und J. Neumaier)
2009 “Schwarzwaldbild IV”, Kunstverein Haslach
2010 Kunstverein Offenburg, 8x8
2011 Künstlerkreis Ortenau,
Kunstforum Kork

 

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