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Angelika Nain malt Landschaften, aber keine traditionellen Landschaften als Abbild der Natur, sondern Landschaften, die aus dem Arbeitsprozess und aus dem Material heraus entstehen.
Die Landschaften aus der Serie „Zwischen Himmel und Erde" beziehen sich sowohl auf das Material - die Erde und das blaue Pigment -, als auch auf das Thema „Himmel und Erde". Erde und Tonschlicker sind dick aufgetragen und bilden ein Relief. Der Tonschlicker steigert den Erdcharakter und die Stofflichkeit der Farbe. Das Material imitiert keine Erde - es ist die trockene, krustige Erde, die wir sehen. Durch das Trocknen entstehen wirkliche Risse und reale Tiefe.
Die Rissstruktur ist wie eine Zufallszeichnung, denn die Brüche lassen sich nicht genau vorausplanen. Je nach Lichteinfall verändert sich die Schattenwirkung des Erdreliefs. So erzeugt die Struktur Dreidimensionalität. Das gegensätzliche Element Wasser ist durch intensives Ultramarinblau dargestellt. Die Farbe forciert die Tiefe und bildet einen starken Kontrast mit dem Braun, das ins komplementäre Orange und Gelb hineinspielt.
Menschen, Pflanzen und Tiere sind nicht zugegen, denn es geht um die elementare Darstellung von Erde: Wie reagiert Erde mit Wasser? Wie reagiert sie bei Trockenheit? Welchen Einfluss haben Wasser und Trockenheit auf die Erde? Diese existentiellen Fragen werden in den Erdbildern mit dem Material und dem Arbeitsprozess erforscht und beantwortet. Der Entstehungsprozess ist lang und mit vielen Entscheidungen verbunden. Erden und Farbe werden schichtenweise aufgetragen, abgenommen, weggekratzt und wieder aufgetragen. Es entstehen vielfältige und nuancierte Strukturen und Farbkombinationen sowie äußerst abwechslungsreiche Oberflächen.
„Zwischen Himmel und Erde" offeriert dem Betrachter eine Fernsicht, als ob der Schauende aus großer Höhe auf die Erde blicken würde. Wo sich Wasser und Erde vermischen, gehen die Materialien und Strukturen ineinander über. Diese Zwischenräume ziehen das Auge an. Aus der Fernsicht wird eine Nahsicht. Plötzlich ist der Standpunkt des Betrachters nicht mehr das Flugzeug, oder das Weltall, sondern ein naher Erdspalt vor seinen Füßen. Das Auge springt vor und zurück. Der Betrachter nimmt Distanz und Nähe gleichzeitig wahr, weil die Künstlerin Zentralperspektive und Horizont bewusst vermied. So beinhalten die Bilder zwei verschiedene räumliche Ebenen.
In anderen Bildern spielt der Horizont eine Schlüsselrolle. Die Arbeit „Marast" ist nach dem Ort in Frankreich benannt, wo die Erde, die in dem Bild verarbeitet ist, herkommt. Bei einer Wanderung über einen Acker in Marast hinterließen die unterschiedlichen Horizontwahrnehmungen einen starken Eindruck. Den hohen Horizont erlebte die Künstlerin am Anfang des ansteigenden Ackers. In dieser Froschperspektive türmt sich der Acker wie ein riesiger Berg auf. Der Betrachter fühlt sich klein, der Berg scheint auf ihm zu lasten, ein Überblick ist nicht möglich. Auf halber Strecke liegt der Horizont in Augenhöhe. Dort halten sich in etwa Himmel und Erde die Waage, das Verhältnis zwischen der schweren Erde und dem leichten Himmel ist ausgewogen. Den tiefen Horizont bemerkte Angelika Nain, als sie den Acker hinablief. Er gewährt eine weite Sicht. Mit dem Standort des Betrachters verändert sich also die Horizontlinie und damit das Verhältnis zwischen Himmel und Erde. Wie wirken sich diese unterschiedlichen Perspektiven auf den Betrachter aus? Dieser Frage spürt die Künstlerin auch in dem großformatigen, dreiteiligen Bild „Horizont" nach.
Ein anderes Gemälde heißt „Beziehung" und gehört zu den Kaseinbildern auf Gipsgrund. Die Pigmente sind mit Kasein - also Magerquark - gebunden. Die Farbe kann nicht dick aufgetragen werden, sondern nur in dünnen, durchscheinenden Lasuren übereinander gelegt werden.
Das Gemälde weckt Assoziationen an eine Landschaft im Abendhimmel. Aber die Landschaft ist nicht durch Abbildung entstanden, sondern aus dem spontanen Arbeitsprozess heraus. Durch Übermalung vieler Schichten entwickelt sich das Gegenständliche. So sind die Landschaft und der Abendhimmel frei erfunden.
Das orangefarbene Licht und die verschwommenen Horizontlinien verleihen dem Horizont etwas Geheimnisvolles, Lockendes, das das Auge anzieht. Der Horizont stellt ja die visuelle Grenze, die Sichtweite des Menschen dar. Im übertragenen Sinn ist der Horizont ein Sinnbild für den Wunsch des Menschen nach der Erweiterung seiner Grenze - physisch und psychisch.
Bei „Lichtwechsel" handelt es sich wieder um eine Dreiereinheit, aber diesmal mit extrem hohen und schmalen Formaten, die den Blick von unten nach oben leiten, die langen Rebpfähle unterstützten diese vertikale Komposition. Die Arbeit entstand aus Landschaftserlebnissen: Wenn man im Weinberg liegt und in den Himmel schaut, sieht man steil aufragende Rebpfähle. Diese Perspektive wird durch das Format und die langen Stangen hervorgehoben. So gelingt der Künstlerin ganz ohne Zentralperspektive ein starker Sog nach oben.
Der Titel „Lichtwechsel" weist auf die unterschiedlichen Stimmungen in der Landschaft hin; das dunkle Blau vermittelt eine Nachtstimmung, das Gelb kann morgens oder abends sein und das Grau-Weiß gibt das gleißende Mittagslicht wieder. Die drei Bilder sind mit Acrylfarben auf Leinwand gemalt. Wie bei den anderen Arbeiten überlagern sich viele Schichten und der Arbeitsprozess spielt eine wichtige Rolle für die Entstehung des Bildes. Kurz: es handelt sich nicht nur um gegenständliche Rebpfähle, sondern auch um autonome Farben und Formen. Die Bilder sind abstrakt und gegenständlich zugleich.
© 2005 Monika Joggerst
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Dr. Monika Joggerst ist Kunsthistorikerin in Offenburg, und arbeitet als Freie Journalistin und Dozentin an der Kunstschule. Sie studierte an der University of Leicester und am Courtauld Institute der University of London, und promovierte an der Ruhr-Universität Bochum.
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Die krustige Erde als Material: Auftragen von Tonschlicker
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Malen in Schichten: Es dauert Wochen und Monate, bis ein Bild fertig ist
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Angelika Nain - Einzelausstellungen
1998 Atelier Mersystraße, Offenburg 1999 Hotelgalerie “La Wantzenau”, Strasbourg 2001 Museum Auberlehaus, Trossingen 2001 Paul-Gerhardt-Werk, Offenburg 2003 “Zwischen Himmel und Erde”, Werkstatt Galerie Owens, Renchen 2004 “Landschaften”, Kunstverein Bahlingen a. K. 2005 „Welten“, Schlosshalle Wolfach 2005/06 “Erdlandschaften”, Aenne-Burda-Stift, Offenburg 2006 “Ein Tag in Palermo”, KiK, Offenburg 2006 Kronenlichtspiele, Triberg 2008 “Augenblicke”, Staufenburgklinik Durbach 2010 Galerie “Kunst am Park”, Höchenschwand
Gruppenausstellungen
1995 Freie Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst, Freiburg 1996 Paul-Gerhardt-Werk, Offenburg 1997 “Kulturflut”, Atelier Mersystraße, Offenburg 1999 Frauenmuseum, Bonn (Projekt “Brust, Lust, Frust”) 1999 Künstlerkreis Ortenau e.V., “Alte Wäscherei”, Offenburg 2000 Kunst fürs Frauenhaus, Offenburg, Oberkirch, Kehl, Lahr 2001 “Kunst am See”, Gifizsee, Offenburg 2001 Künstlerkreis Ortenau e.V., “Neue Galerie”, Offenburg 2002 “Eigen Art”, Kunstverein und Städtische Galerie, Offenburg 2002 “Brust, Lust, Frust” in Hamm, Leverkusen, Offenburg 2002 Salle de Monnaie, Molsheim 2002 “Duell”, Accrochage Franco-Allemand, Produzentengalerie im Art Forum, Künstlerkreis Ortenau e.V. 2003 Galerie im Storchenturm, Zell a. H. 2003 Kunstverein, Trossingen 2003 Galerie Paradoxe, Strasbourg 2003 Grimmelshausens Courasche, Oberkirch 2004 Kunstverein, Trossingen 2004 Atelier Mersystraße, Offenburg 2005 „Schwarzwaldbild III“, Kunstverein Mittleres Kinzigtal 2005 Kunstverein Trossingen 2007 Galerie Owens, Renchen 2007 “Landschaft im 21. Jahrhundert”, Kunstverein Wilhelm Kimmich, Lauterbach 2007 “x mal ich”, Fruchthalle Rastatt 2007 “Menschenbilder”, Klinikum Offenburg (mit J. Makinde) 2009 Klinikum Gengenbach (mit J. Makinde und J. Neumaier) 2009 “Schwarzwaldbild IV”, Kunstverein Haslach 2010 Kunstverein Offenburg, 8x8 2011 Künstlerkreis Ortenau, Kunstforum Kork
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